Das ist der Löwenzahn, die Butterblume, die Kuhblume, die Kettenblume der Kinder, deren kleine goldene Sonnen in jedem Rasen leuchten, in jedem Grasgarten strahlen, an allen Rainen brennen, so massenhaft, so tausendfach, so zahllos, daß man sie nicht mehr sieht, weil man sie überall zu sehen gewohnt ist. Und deshalb hält man es nicht für der Mühe wert, sie zu betrachten und sich ihrer feinen Schönheit, ihrer vornehmen Form, ihrer leuchtenden Farbe zu erfreuen. Nur die Kinder lieben sie. Vielleicht nicht deshalb, weil ihnen die Schönheit dieser Blume zum Bewußtsein kommt, sondern deshalb, weil es die einzige ist, die sie immer und überall pflücken dürfen. Kein Wärter knurrt, kein Bauer brummt, wenn die Kleinen sich ganze Hände voll davon abrupfen; sie sehen es sogar gern, denn es ist ein böses Unkraut, der Löwenzahn, ein Grasverdränger und Rasenzerstörer, gegen den alle Arbeit und Mühe nichts hilft.

Quelle: Projekt Gutenberg
Aus: Hermann Löns “Heimatliche Naturbilder – Da draußen vor dem Tore”